Sonntag, 15. Januar 2017

DVD- & NETFLIX-TIPP: The Bletchley Circle - Hochbegabte Frauen ermitteln im Nachkriegs-England


DVD-Krimi-Tipp von Hannah Weidthaus

Stehen Frauen im Mittelpunkt einer Ermittler-Serie, werden ihnen meist intuitive Lösungsansätze auf den (vorzugsweise hübschen) Leib geschrieben. In THE BLETCHLEY CIRCLE ist erfreulicherweise mal das Gegenteil der Fall. Die Frauen, die hier in Kriminalfälle rutschen, sind hochintelligent und mit besonderen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet, die ihnen im Alltag der Fünfziger Jahre zunächst einmal mehr Probleme als Erfolge bescheren. Intuition ist dabei für sie überhaupt keine Option.

Die Protagonistinnen dieser Serie sind vier bzw. fünf englische Agentinnen, die einst auf dem englische Landsitz Bletchley Park im Zweiten Weltkrieg Spezialaufgaben lösten. Bletchley Park war tatsächlich auch in der Realität seinerzeit der Sitz einer militärischen Dienststelle,  bei der der deutsche Nachrichtenverkehr entschlüsselt wurde. 

Susan (Anna Maxwell Martin), Millie (Rachael Stirling), Jean (Julie Graham) und Lucy (Sophie Rundle), einst Expertinnen im Entdecken von Verhaltens- und Bewegungsmustern, die bei der Dekodierung von deutschen Nachrichten im 2. Weltkrieg hoch erfolgreich operierten und später mit Geheimhaltungsklauseln gezwungen wurden, niemandem -auch nicht ihren Familien- davon zu erzählen, kehren nach dem Krieg in ihre Leben zurück.

Doch das ist schon ein paar Jahre her. Im Jahr 1952 führen sie im Nachkriegs-England das Leben braver Haus- und Ehefrauen und tun sich schwer, ihren Lebenssinn allein in Kochrezepten, Mutterschaft und Pflege des Ehemannes zu finden.

Geistig völlig unterfordert, löst Susan permanent Rätsel. Heimlich verfolgt sie aber auch Berichte über einen Serienmörder und erkennt ein Muster. Ihr Versuch, wichtige Hinweise zu geben und weitere Opfer zu verhindern, wird von der Polizei genauso belächelt wie von ihrem Ehemann.

Sie entschließt sich, ihre ehemaligen Kolleginnen aus Bletchley Park hinzuzuziehen. Gemeinsam erkennen sie in harter heimlicher Ermittlerarbeit Bewegungsprofile und Zeitachsen. Es gelingt Ihnen, ein Profil zu erstellen. Doch dann kommen sie plötzlich dem Täter erheblich näher, als sie es eigentlich vor hatten...

Der erste Fall endet für die vier „Code-Knackerinnen“ traumatisch und lässt sie nicht unbeeindruckt zurück; sie wollen ihr "Detektiv-Spiel" nicht weiter fortführen, aber die ehemalige Bletchley Park-Angestellte Alice Merren (Hattie Morahan) wartet auf die Vollstreckung ihres Todes-Urteils wegen eines Mordes, den sie nicht begangen hat. Und weil Jean fest an Alices Unschuld glaubt, landet  der Bletchley Circle erneut mitten in einer gefährlichen Ermittlung...

Susan zieht aus den Erfahrungen der ersten Fälle ihre Konsequenzen und entscheidet sich, die Gruppe zu verlassen, um die Karriere ihres Mannes im Ausland zu fördern. Als Milli entführt wird, stößt Alice zur Gruppe und das Team bekommt es mit einem gefährlichen weiblichen Gegner zu tun.

Bedenkt man, dass die Handlung in einer Zeit spielt, in der Frauen (in Deutschland bis 1962) kein Bankkonto ohne Genehmigung des Ehemannes eröffnen durften und erst 1969 (in Deutschland) als geschäftsfähig eingestuft wurden, sogar zur Aufnahme einer Arbeit (lt. Gesetz bis 1977) die Genehmigung ihres Mannes einholen mussten, sind die Themen des BLETCHLEY CIRCLE überraschend aktuell. 

Man lernt, dass Fake News keine Erfindung des Internetzeitalters sind (Propaganda Falschmeldungen gibt es seit Menschen Gedenken), und Pharma-Experimente sowie Frauen-Handel schon immer lukrativ waren.

Die Stellung der Frau in der Nachkriegszeit wird sehr glaubhaft nachgezeichnet. Da droht ein Kommissar Susan, wenn sie nicht folgt, alles ihrem Mann zu erzählen, da wird eine Hochbegabte mit photographischem Gedächtnis bei Scotland Yard nur als Sekretärin geduldet, eine andere von ihrem Mann verprügelt ohne, das es für selbigen zu Folgen kommt und Internate für Mädchen bieten nur musische Zweige statt mathematisch-wissenschaftlicher an. Frauen werden generell ständig auf "ihren Platz", zurück an den Herd, geschickt. 

Das Problem, dass Frauen (nicht nur die, die im Krieg wichtige Aufgaben erfüllten) ihren Geist nun nur noch mit Rätselheften o.ä. beschäftigen dürfen, wird sehr schön deutlich.

Dabei sind die Frauen des BLETCHLEY CIRCLES keine tollkühnen, unbesiegbaren Emanzen oder gar weibliche James Bonds, sie tragen deutliche körperliche und seelische Blessuren bei ihren Abenteuern davon. Und zweifeln ständig an sich und ihren geistigen Ansprüchen.

Man kann nur hoffen, dass die eine oder andere Zuschauerin diese Serie zum Anlass nimmt, sich zu fragen, ob das Folgen von Youtube-Schmink-Channeln, die Jagd nach Einhorn-Schokolade oder das Ausmalen von Mantra-Malbüchern wirklich alles ist, was ihr eigenes Hirn zur Beschäftigung braucht.

THE BLETCHLEY CIRCLE ist bei Amazon auf DVD für 25,99 € (Preise variieren bei Amzon) erhältlich und kann bei Netflix gestreamt werden.

Darsteller: Anna Maxwell Martin, Hattie Morahan, Rachael Stirling
Regisseur(e): Andy De Emmony, Sarah Harding, Jamie Payne
Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1
Anzahl Disks: 3
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: KSM GmbH
Erscheinungstermin: 16. März 2015
Produktionsjahr: 2012
Spieldauer: 312 Minuten

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