Sonntag, 14. Mai 2017

GOSTER - Krimi-Persiflage als TV-Kuriosum zwischen Unsinn und Tiefsinn (ARD)

Goster (Bruno Cathomas) und Johanna Hildebrandt (Anna Stieblich) / © HR/Katrin Denkewitz

TV-Tipp/ TV-Kritik 
von Nicole Glücklich (Redaktion Baker Street Chronicle)

GOSTER (HR) wird am Dienstag (16.05.17) um 23:00 Uhr (etwas zeitlich verschoben wegen einer EXTRA-Sendung) im Ersten der ARD gesendet. Ein deutscher Film – das lässt manchen schon Böses erahnen, denn oftmals kann man bei deutschen Filmen leider davon ausgehen, dass sie entweder langweilig oder „künstlerisch wertvoll“ sind. Für viele Zuschauer wird GOSTER wohl ebenfalls in eine dieser beiden Kategorien fallen:

Ein nackter Mann ist aus einer oberen Etage eines Mietshauses zu Tode gestürzt. Bei der Begehung des vermeintlichen Tatortes, einer leeren Wohnung, trifft ein plötzlicher Schuss einen der Kollegen tödlich. Kommissar Goster erleidet einen Herzinfarkt und sinkt in Ohnmacht. 

Vom Täter fehlt jede Spur. Zurück bleibt das Rätsel um eine abgefeuerte Pistole in einem leeren Raum und Kommissar Goster, der den vermeintlichen Doppelmörder gesehen haben muss. Doch sind seine Erinnerungen durch den Herzinfarkt wie ausgelöscht.

Mit Hilfe seiner jungen, humorvollen und dienstbeflissenen Kollegin Hannelore Klost werden die Fakten um den Toten im Beet ermittelt. Woher stammte die Waffe, was machte der Tote in der leeren Wohnung, warum trug er eine Geranie hinterm Ohr?

Während die Puzzleteile zusammengetragen, Hausbesuche, Verhaftungen und Verhöre vorgenommen werden, eine absurde Sexdate-Internetseite ausfindig gemacht wird und scheinbar Ordnung in den Fall kommt, entsteht in Goster immer mehr die Ahnung, dass es die Waffen selbst sind, die auf die Menschen schießen.

Wenn man sich auf den Film einlassen möchte, sollte man sich zuerst von der Vorstellung verabschieden, dass es sich dabei tatsächlich um einen Krimi handelt. Vielmehr ist GOSTER ein Zerrspiegel der deutschen Fernsehlandschaft, die bekanntermaßen von Krimis dominiert wird. Er wurde vom Hessischen Rundfunk unter der Regie von Didi Danquart produziert und stellt ein ziemlich einzigartiges Kuriosum dar. Mitunter auch, weil er tatsächlich mit einer Altersfreigabe von 18 Jahren belegt wurde, weshalb er nur im Nachtprogramm zu sehen sein wird. Warum?

Der Film besteht neben Realfilm aus animierten Szenen, die Comiczeichnungen zeigen. Eine Art Graphic Novel, wie man sie sonst von Superhelden kennt. Nur dass diese beiden Superhelden schlecht angezogen sind und seltsame Spleens haben.

GOSTER spielt mit den Schwächen vieler, vor allem amerikanischer Krimiserien: Die Hilfspolizistin Klost steigt zur Kommissarin auf, nur weil sie ihren Kollegen wiederbelebt. Die Hauptfigur war alkoholabhängig – jetzt hat er seine Sucht auf Cola verlagert. Lästiges Product Placement wird durch Textaufkleber ersetzt – einmal läuft Goster mit einem Karton durchs Bild, auf dem dick und fett „Schuhkarton“ steht.

Gosters Putzfrau ist cleverer als er selbst. Und nicht zuletzt die kreative Idee, alle Tatortfotos durch Zeichnungen zu ersetzen. Da kommt auch die FSK 18 ins Spiel: Klosts spezielles Interesse für die Sex-Webseite untermauert sie mit hübschen Zeichnungen. Man merkt, dass man hier bei den Öffentlich-Rechtlichen ist – im Privatfernsehen sieht man pikantere Dinge schon im Nachmittagsprogramm.

Zu guter Letzt kommt der Punkt, an dem das Locked Room Mystery einfach nicht zufriedenstellend aufgeklärt werden kann. Das Problem kannten schon die alten Griechen, dass sich manche Konflikte nicht immer durch menschliche Handlungen lösen ließen. Die zynische Antwort des Drehbuchautors lautet, dass sich diese Konflikte durch die Gewalt der Waffen selbst sehr wohl lösen lassen – so dienen die Pistolen und Maschinengewehre sozusagen als Dei ex Machina.

Beim Anschauen des Films schwankte meine Meinung oft zwischen Unsinn und Tiefsinn. Es ist nicht einfach, sich darauf einzulassen, aber wer Krimis mag, sollte dem Film eine Chance geben und sich hinterher fragen, ob GOSTER vielen Geschichten nicht tatsächlich den Spiegel vorhält und sie als das entlarvt, was sie tatsächlich sind: Seichte Unterhaltung ohne jeglichen Tiefgang.

Regie: Didi Danquart
Drehbuch: Markus Busch
Produktion: Hessischer Rundfunk (HR) / Liane Jessen
Musik: Cornelius Schwer
Kamera: Johann Feindt

Darsteller
Bruno Cathomas: Goster
Julia Riedler: Hannelore Klost
Lise Risom Olsen: Liz Hand
André Szymanski: Lempke
Anna Stieblich: Polizeipsychologin
Şiir Eloğlu: Ayse
u.a.

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